Delos-Quartett

Schumann pflückt die blaue Blume der Romantik

Das Delos-Quartett und Özgür Aydin gaben ein sinnenbetörendes Konzert in der alten Mälzerei - Makelloses Zusammenspiel

Petr Eben ... hatte Recht... Warum er Recht hatte, zeigten Matthias Bäcker (Oboe), Nina Janßen (Klarinette), Sibylle Mahni (Horn) und Clarens Bohner (Fagott), die zuerst Novalis´ blaue Blume der Romantik pflücken mit Özgür Aydin (Klavier) in den berauschend schönen Schumann-Duos aus dem Jahre 1849. Nach der Pause vereinigten sie sich zum Klavierquintett op.16, um sich als Zugabe für ein die Künstler gebührend stürmisch feierndes Publikum mit einem Teilstück des “op.1” des Genres, mit dem Larghetto aus Mozarts Quintett KV 452, zu bedanken. ...  Vereinigung ist keine leere Wortkapsel. In Ferrucio Busonis Maximen und Aphorismen steht der kluge Satz: “Zum Künstler wird man geboren, zum Meister muss man sich erziehen.” Was das bedeutet, zeigen die Fünf auf dem Podium. Makelloses Zusammenspiel, Bündelung aller Kräfte in einer Fülle des Ausdrucks, der Temperamente. Die Seele wird zum Resonanzkörper. Frei formulierte Soli fängt das Ensemble in traumwandlerisch sicheren Rubati, in kollektiv frei atmenden Tempi ein.                  Zu Schumann, zum Schein des Bekannten, zu seinen im “Volkston” gehaltenen Duostücken. Das Adagio und Allegro für Horn und Klavier findet in Sibylle Mahni eine ausgezeichnete Interpretin. Die spielt das prächtig, nicht prunkend. Mit wundervoll modellierten Kantilenen. Mit Stil und Gefühl. Dann die drei Romanzen für die Oboe. Matthias Bäcker spielt die plastisch, frei und doch streng. Streng bedeutet hier einfach richtig. Musik steht nicht in den Noten. Musik entsteht im Augenblick ihres Erklingens. Tolstoj hat das in seiner Novelle “Die Kreutzer-Sonate” göttlich schlimm beschrieben. Das ist Matthias Bäcker. Fagott : Clarens Bohner. Schumann hat in seinen Kammermusikzyklen des Jahres 1849 dieses Instrument “vergessen”. Da müssen dann die “Fünf Stücke im Volkston” herhalten. Herr Schumann hätte da vielleicht Probleme. Der wies ein Gesuch seines Verlegers, die Oboen- Romanzen auch in anderer Besetzung anbieten zu dürfen, brüsk ab: “Wenn ich originaliter für Violine oder Clarinette geschrieben hätte, würde es wohl etwas ganz anderes geworden sein. Es thut mir sehr leid, Ihrem Wunsch nicht nachkommen zu können, aber ich kann nicht anders.” Clarens Bohnen kann anders. Allein der kecke Ton, den er in der “mit Humor” überschriebenen Nummer 1 findet, ist Delikatesse. Der Cellist freut sich natürlich schadenfroh darauf, dass der Kollege am Fagott die Doppelgriffe nicht spielen kann. aber ist das so wichtig? Clarens Bohner bietet einen zwischen Poesie und Eulenspiegelei oszillierenden Schumann. So ist es richtig. Genau das ist wichtig. Zuletzt: Nina Janßen, der Harlekin aus Stockhausens “Licht”. Schumann hätte sich seine flehenden Attribute für die drei Fantasiestücke op. 73 bei ihr sparen können. Die hätte ohnehin “Zart und mit Ausdruck” gespielt oder “Lebhaft, leicht” und ganz sicher “Rasch und mit Feuer”. Sie kann das gar nicht anders. Zum Schluss: Özgür Aydin. Der sensible Mann am Klavier. Der muss nicht einmal das Una-corda-Pedal bedienen, um die Kollegen nicht zuzudecken. Der spielt mit sanfter Dominanz. Führend und sich einschmiegend. Sein Kollege Bussoni hatte Recht: Zum Künstler muss man geboren sein, zum Meister muss man sich erziehen.”

Von Werner Weckbach            Rhein- Neckar- Zeitung  vom 12.1.2007