Kritik FAZ Portraitkonzert

Klarinette sucht Pauke         Portraitkonzert Nina Janßen in der Ensemble Akademie

Vielleicht beginnt die Neue Musik tatsächlich in der Klarinettenmusik. Zumindest proklamierte Arnold Schönberg Johannes Brahms´ epochales Klarinettenquintett in seinem Aufsatz “Brahms, der Fortschrittliche” als seine satztechnische Amme. Wie Brahms aus der melodiösen Kopffigur des Holzblasinstruments alle weiteren Charaktere und Kontraste als “Entwickelte Variation” ableitete, öffnete er seinerzeit die Tür weit ins 20. Jahrhundert. Nina Janßen, Jahrgang 1972 und seit 2006 Klarinettistin und Mitglied des Ensemble Modern, bestätigte in ihrem fulminant intonationssicher und mitreißendem Portraitkonzert “unterm Dach” der Frankfurter Ensemble Akademie wieder, wie viel Leben und damit Zeitgenossenschaft in dem Holzblasinstrument steckt.

In dem auch szenisch sehr genau kalkulierten Konzert mit Werken des renommierten Komponisten und Klarinettisten Jörg Widmann, Alban Berg, Johannes Maria Staud, Pierre Boulez, Karlheinz Stockhausen und einer Uraufführung des gerade ziemlich angesagten Reduktionisten Mark Andre entpuppte sich Janßen als Perfektionistin im Ausdruck und in der Spieltechnik. Gemeinsam mit Pianist Hermann Kretzschmar gestaltete sie Bergs “Vier Stücke” zu spätromantischen verästelten, bereits aber im Ausdruck abgekühlten Miniaturen nach Art eines Lügendetektors - Ausschlag bei falschem Pathos.

Im blau-weißen Kostüm (Adriane Westerbarkey) und mit einer verspielt tänzerisch-rhythmischen Choreographie gemäß Partitur zelebrierte die hochgewachsene, schlanke Virtuosin Stockhausens “kleinen Harlekin”. Als zweites Instrument hat Stockhausen hier die Fußschritte mit der Klarinette vereint und lässt sie muntere schalkhafte Dialoge führen - der Urtyp von seinen “beweglichen Musikern”, die dann in seinem “Licht”- Zyklus werkbestimmend werden sollten. Janßen gab den Harlekin mit kecker Gestik, meistere alle Lagenwechsel, Richtungskorrekturen und Aufschwünge souverän.

Verblüffend danach der Kontrast zu und zwischen den letzten Werken des Abends von Mark Andre, Jahrgang 1964, und Pierre Boulez. Janßen modellierte in Andres “iv3” den Klarinettenklang mit dem Pedal auf einer Pauke, auf deren Membran sie den Schalltrichter richtete. Die Pauke wurde so zum Lautsprecher, zu einer Art intonatori rumori nach Art der italienischen Futuristen. Das war jedoch kein postdadaistischer Reflex, sondern der Versuch einer kompromisslosen Innenschau als bedrohliche Stille vor dem Erdbeben.

Boulez “Dialogue de l´ombre double” für Klarinette und Tonband, entstanden vor mehr als 20 Jahren und nach wie vor aktuell, fungierte abschließend als die konfliktbeladene Außenseite von Andres ehernem Schweigen. Wie Janßen hier zwischen selbst produzierten Zuspielband und Live-Impuls vermittelte, mit welchem Feuer sie diese immense musikalische Auffaltung zu einem Atlas des Spielbaren meisterte und mit welcher Ethik und welchem Ethos sie diesen gelungenen und mit einhundertdreißig Besuchern sehr gut besuchten Konzertabend abrundete - das erzeugte tosenden Applaus für eine wunderbare Musikerin.

Achim Heidenreich              25.02.2008         Frankfurter Allgemeine Zeitung