Kritik Heidelberg

Feine Linien und wilde Ausbrüche

Neue Kammermusik-Reihe : Die Klarinettistin Nina Janßen spielte in der Heidelberger Galerie Marianne Heller

“Zwischentöne” heißt eine neue Konzertreihe in der Galerie Heller im Heidelberger Stadtgarten - jede Sonderausstellung dort soll mit einem hochkarätig besetzten Konzert begleitet werden, im Idealfall soll es - nach Willen des Initiators Ulrich Gebhard - zu einem Zusammenspiel der Künste im Raum kommen. Die ausgestellten Keramikgefäße von Uwe Löllmann schienen die Resonanzen aufzunehmen, die vom Spiel der Klarinettistin Nina Janßen ausgingen.    ...

Ausschließlich Neue Musik spielte sie nun im gutbesuchten ersten Konzert der Reihe. “Domaines” von Pierre Boulez zunächst. Aus wechselnden Standorten schickte die Klarinettistin Signale in den Raum, nervös jagende Figuren, Flageoletts oder in die Stille horchende, langgezogene Töne. Der zweite Klassiker folgte am Schluss: Stockhausens 1977 geschriebenes “In Freundschaft”. Mit dem Kölner Komponisten verbindet Nina Janßen eine intensive Zusammenarbeit und so blieb sie dem Werk nichts an seiner Intensität schuldig, entwickelte eine hohe gestische Qualität.

Dazwischen zwei Werke von jüngeren Komponisten. In seinem Solostück “Holz” übertrug Enno Poppe die unregelmäßigen Strukturen des Naturmaterials in komplizierte Rhythmen und mikrotonale Einfärbungen. Große Lebendigkeit gewannen die geschlängelten Linien, und bei den wechselnden Schwingungsvorgängen und reichen Klangfarben vermeinte man die Oberflächenstruktur von Edelhölzern auszumachen.

Louis Malles Film “Black Moon” inspirierte Johannes Maria Staud zu seiner gleichnamigen Komposition für Bass-Klarinette. Speziell die Stimmung dieses kryptischen Films, die Wechsel zwischen Alptraumhaften und Ruhigem wollte der Komponist zum Klingen bringen. Irreale Klanglandschaften entstanden dabei, elegisch schleichende Phantasmagorien. Die hauchfeinen Pianissimi, tremolierende Töne, Mehrfachklänge und wilden Ausbrüche erfüllte Nina Janßen mit hoher Intensität und fesselnder Virtuosität. Auch im Heidelberger Theater steht in einigen Wochen eine Oper von Johannes Maria Staud an: “Berenice”. Man darf gespannt sein.

 

Rhein- Neckar- Zeitung, Oktober 2005