Kritik Osnabrück

Protestklänge im Breitwandformat

Zur Zugabe setzt sich Nina Janßen ganz locker aufs Dirigenten- Podest, zu Füßen ihrer vier Kammermusik- Partner. Und einmal mehr raubt nicht die Tatsache den Atem, daß die Klarinettistin viel Bein zeigt. Sondern ihre Virtuosität, ihr feiner Ton, ihre Musikalität. Und doch macht der Auftritt deutlich, daß ein Konzert eben mehr ist als nur das klingende Ereignis.      Für das hatte Janßen beim zweiten Konzert des Osnabrücker Symphonieorchesters zuvor schon gesorgt : als Solistin im Kammerkonzert für Klarinette, Streichquartett und Streichorchester von Karl Amadeus Hartmann. Weit gespannte Romanzen setzt sie den harschen Streicherakkorden entgegen, mit denen Hartmann Anfang der dreißiger Jahre seinen Protest gegen das Naziregime formulierte. Hartmanns Widerstand erwächst dabei aus Gegensätzen : Wenn die Klarinettenkantilene im Breitwandformat ausspielt, torpediert das Streichquartett die Idylle mit peitschenden Akkorden. In der abschließenden Fantasie beschwört Janßen zunächst die östlich- jüdische Folklore. Dabei entfaltet sie im tiefen Register traumwandlerische Sicherheit - zarte Klänge für Hartmanns Schreckensvisionen. Der Wehmut des Streichquartetts setzt sie aber mit hart gestoßenen Tonkaskaden erbitterte Virtuosität entgegen. So erreicht der musikalische Protest Hartmanns auch noch den Hörer von heute.

Neue Osnabrücker Zeitung, 26.10.2005